Incubus Leben in einer Welt von Superkraft-Nutzern-Chapter 347: Die Zeit ist gekommen
Der Mann im Stuhl lehnte sich leicht nach vorne, seine Stimme leise, aber klar, als würde er nicht zum Raum sprechen – sondern zur Welt.
"Lasst uns die Knochen aufwühlen," sagte er. "Und die Haut erzittern lassen."
Eine Karte erwachte zum Leben auf der Projektion, die vor ihm schwebte. Rote Punkte flackerten auf, verstreut über Kontinente, Ozeane und Berge.
Einer nach dem anderen begann zu verblassen – nicht wegen eines Ausfalls, sondern wegen etwas anderem – etwas, das erwachte.
Alte Befehle. Uralte Codes. Signale, die für Menschen bestimmt waren, die einst normale Leben geführt hatten – wenn man das, was sie hatten, normal nennen konnte.
Irgendwo tief unter der Erde, unter einer zerstörten Stadt, an deren Bau sich niemand mehr erinnerte, schreckte eine Frau in der Dunkelheit hoch.
Ihr Atem stockte, als ihr Rücken sich bog und ein leuchtendes Symbol sich seinen Weg an die Oberfläche ihrer Haut brannte.
Sie flüsterte etwas. Eine Phrase. Ein Gebet, vielleicht. Aber es war in keiner Sprache, die sie bewusst kannte.
Der Mann im Stuhl lächelte nicht.
Seine Stimme erhob sich nicht, sondern verhärtete sich wie Stahl, der in der Luft abkühlt.
"Ich gab euch Stille," sagte er. "Und ihr dachtet, es wäre Gnade."
Eine weitere rote Markierung erlosch.
"Dann lasst den Lärm zurückkehren."
Die Karte verschwand, als er seine Hand schloss. Der Thron hinter ihm zerbröckelte nicht. Er schaltete sich nicht ab. Er verschwand einfach, als wäre er nie da gewesen.
Er stand auf, streckte sich nicht und klopfte sich nicht ab wie jemand, der aus einer Ruhephase kommt. Er schaute einfach nach oben – zu Sternen, die die meisten Menschen nie sehen würden – und der Raum um ihn herum faltete sich in sich selbst.
Nicht mit Geräuschen oder hellen Blitzen. Er bog sich mit etwas Schwererem. Eine Art Gewicht, das man nicht sehen konnte, aber in der Brust spürte, wie Schwerkraft, die ihre Richtung ändert.
Er drehte sich einmal um, als wolle er prüfen, ob alles an seinem Platz war.
Dann war er weg.
Nicht teleportiert.
Weg.
Denn Menschen wie er sprangen nicht durch Portale, sie bogen die Welt, bis die Welt nicht anders konnte, als zu folgen.
Selbst wenn sie nicht wollte.
—
Tausende Kilometer entfernt, unter Schichten aus gebrochenem Eis und uraltem Gestein, flackerte eine einzelne Kerze von selbst zum Leben.
Die Flamme tanzte ohne Wind. Die Luft in der gewaltigen Kammer zitterte leicht, als würde die Erde selbst sich an etwas erinnern, das sie lange zu vergessen versucht hatte.
Eine Stimme flüsterte durch die Dunkelheit. Nicht laut. Nicht deutlich. Einfach da. Alte Worte, abgenutzt durch die Zeit. Die Art von Gebet, die seit Generationen kein Lebender mehr gesprochen hatte.
Der Gott beobachtete wieder.
Und der Kult, von dem die meisten glaubten, er sei mit dem Fall verschwunden, hatte begonnen, sich zu regen.
Die unterirdische Kathedrale war alt – älter als die meisten Karten und älter als die meisten Erinnerungen. Sie war vor dem Fall gebaut und danach begraben worden.
Jetzt lag sie unter dem antarktischen Schelfeis, eingehüllt in eine Stille, so vollständig, dass selbst umlaufende Satelliten darüber hinwegsahen. Nichts an der Oberfläche deutete darauf hin, was darunter lag.
Aber hier unten war nichts wirklich gestorben.
Frost bedeckte die hohen Wände. Riesige Metallsäulen standen noch aufrecht und trugen eine Decke aus zerbrochenem Buntglas und verstärkter Legierung.
Was an Farbe in den zerbrochenen Stücken verblieben war, war größtenteils ausgewaschen, verblasst zu blassen Blautönen und staubigen Grautönen.
Das einzige Licht kam von den Feuergruben – kleine, stetige Flammen, die in gemeißelten Steinschalen flackerten.
Und Atem.
Und Bewegung.
Im Zentrum des Raumes stand ein langer Altar, erhöht über dem Boden. Eine Gestalt lag darauf, regungslos unter Gewändern, dünn wie Papier.
Seine Haut sah aus wie polierter Knochen, trocken und kalt, aber etwas in der Reglosigkeit verriet, dass er nicht tot war. Noch nicht.
Um ihn herum waren vier versiegelte Kammern in die Wände eingelassen, halb gefroren und halb vergessen. Jede enthielt eine perfekt konservierte Person, wartend.
Der erste, der erwachte, war ein Mann.
Er war dünn, drahtig, seine Haut blass von Jahren im Kryoschlaf. Kein Hemd. Kurzes Haar. Auf seiner Brust befanden sich neun Schlitze – lange, dünne Markierungen, zugenäht wie geschlossene Augenlider.
Sie bluteten nicht. Aber sie pulsierten. Einer nach dem anderen. Als würden sie unter der Haut atmen.
Sein Körper richtete sich mit einem scharfen Keuchen auf, als hätte jemand ihn aus dem Wasser gezogen. Seine Arme zitterten, aber seine Augen waren ruhig. Und als er sprach, war die Stimme, die herauskam, nicht seine.
"Der Träumende hat sich bewegt," sagte sie.
Dann bildete sich ein langsames Lächeln auf seinem Gesicht.
"Die Zeit ist gekommen."
Er verschwendete keine Zeit damit, nach den anderen zu sehen. Warf nicht einmal einen Blick auf sie. Er stieg von der Plattform herab, verbeugte sich einmal in Richtung der Gestalt auf dem Altar und ging zum hinteren Teil des Raumes.
Dort stand eine Konsole, halb bedeckt mit Ketten – uralte Fesseln, fest umwickelt und mit Siegeln versiegelt.
Er streckte die Hand aus. Die Ketten lösten sich und fielen weg, nicht zerbrochen, sondern... abgewiesen. Als würden sie ihn erkennen.
Die Konsole leuchtete mit einem sanften Schein auf und warf Staubschichten im Wärme ihrer alten Lichter ab. Es war ein hässliches Ding – aus geborgener Technik gebaut, teils militärisch, teils eindeutig vom Kult gefertigt, alles zusammengeflickt zu etwas, das nur die Erweckten zu benutzen wussten.
Er gab einen Code ein.
Er funktionierte noch.
Der Bildschirm blinkte und zeigte eine globale Karte mit vertrauten, aber längst vergessenen Symbolen. Seltsame Zeichen übersäten die Oberfläche der Karte – Orte, die auf normalen Sensoren nicht erschienen. Jedes markierte einen Schläferknoten.
Er wählte fünf aus.
Die Konsole pulsierte und begann dann, das Signal zu übertragen.
—
In einem Krater weit im Norden, verborgen unter einer Stadt, die über Ruinen gebaut wurde, brach eine junge Frau in ihrem Badezimmer zusammen.
Ihr Körper zitterte, und ihre Wirbelsäule bog sich. Auf ihrem unteren Rücken begann ein gezackter Kreis zu leuchten, Linien durchschnitten ihn wie in Tinte gefrorene Blitze.
Sie schrie nicht.
Sie geriet nicht in Panik.
Sie fing einfach an zu lachen.
Dann stand sie auf, öffnete eine Tafel hinter ihrem Schrank und zog einen langen, in Stoff gewickelten Kasten heraus, der mit Wachssiegeln und Bindfäden verschnürt war.
Sie wickelte ihn vorsichtig aus.
Darin befand sich eine Maske.
Glatt. Schwarz. Dünn, mit fast keinen Details außer den Schnitzereien an den Rändern – Formen, die zu keinem Stil oder keiner Epoche zu gehören schienen.
Sie hob sie an ihr Gesicht.
Und verschwand.
Ihre Präsenz wurde nicht nur verborgen. Sie verschwand vollständig, als hätte sie aufgehört, Teil der Welt zu sein.







