Incubus Leben in einer Welt von Superkraft-Nutzern
Chapter 233: Liliana macht den ersten Zug
"Du sollst nicht eingreifen," sagte sie.
Die Gestalt nickte.
"Nur die Folgen beseitigen."
"Ja, meine Königin."
Und das war alles.
Sie ging wieder vorwärts, den Korridor entlang, in Richtung des Tresors im Westflügel. Ihr Gewand hing noch immer locker, aber ihre Augen wirkten nicht mehr ruhig.
Sie wirkten fokussiert.
Wie Feuer hinter Glas.
Eine andere Art von Lilith begann zu erwachen.
Nicht die Illusionistin. Nicht die Sängerin. Nicht die öffentliche Ikone.
Sondern die ursprüngliche.
Diejenige, die einst einen ganzen Kontinent in die Knie gezwungen hatte.
Und ihre Töchter?
Sie waren bereits in Bewegung.
Kein Getöse.
Keine Ankündigungen.
Nur saubere, kalte Schritte in Richtung Vergeltung.
Dies war keine Rache.
Dies war eine Korrektur.
Eine Lektion, und bis der Kult bemerkte, dass man sie gefunden hatte, wäre es bereits zu spät.
Es würde keine Warnungen geben.
Keine Gnade.
Nur Stille.
Und dann—
nichts.
Unterdessen, weit entfernt vom Nocturne Herrenhaus.
Der Militärkomplex befand sich in der alten nördlichen Bergkette, vergraben unter einer Schicht künstlicher Klippen und verlassener Signaltürme.
Einst als abgelegener Außenposten für schwere Artillerietests genutzt, war er längst außer Dienst gestellt worden. Zumindest glaubten das die Leute.
Aber der Kult hatte ihn gefunden.
Gerade genug der Systeme repariert, um ihre Übungen durchzuführen. Die unteren Ebenen freigeräumt. Die Sicherheitsfelder verstärkt.
Sogar Anti-Detektionsknoten hinzugefügt, die vom Schwarzmarkt aus Ruinen geborgen wurden.
Es spielte keine Rolle.
Liliana ging geradewegs durch das Haupttor.
Keine Heimlichkeit, kein Vorwand.
Nur ihre große, befehlende Gestalt, die aus einem mattschwarzen Transportrahmen trat, der sich hinter ihr lautlos dematerialisierte.
Sie trug keine Rüstung.
Nur ihren langen, karmesinroten Kampfmantel und hochhackige taktische Stiefel. Ihr Haar war zu einem glatten Zopf gebunden, noch feucht vom früheren Training.
Auf ihrem Rücken war ein langer, schmaler schwarzer Koffer befestigt, sie berührte ihn nicht, sie musste es nicht.
Als sie den abfallenden Eingangstunnel hinunterging, trafen ihre Absätze den Boden mit scharfem, präzisem Druck.
Die Wände waren einst mit elektronischen Tarnmustern bedeckt gewesen, zeigten aber nun Anzeichen von Abnutzung. Ein schwaches Summen hallte durch den Korridor.
Fünfzig Meter weiter erwachte der erste Kontrollpunkt zum Leben.
Zwei Wachen erschienen hinter teilweiser Deckung—beide maskiert, beide mit Waffen mittlerer Stufe, beide auf energiereaktive Auslöser eingestellt.
Der erste schrie.
Sie hörte ihn nicht.
Der zweite hob sein Gewehr.
Sie hielt nicht an.
Der dritte—versteckt hinter einem sekundären Explosionsschutzschild—versuchte, den Alarm auszulösen.
Keiner von ihnen konnte zu Ende bringen, was er begonnen hatte.
Lilianas Aura fiel.
Kein Laut kam von ihren Lippen—kein grelles Licht. Keine Ankündigung. Nur ein Puls.
Ein Druck.
Und dann—
Zusammenbruch, aber es war noch nicht der Tod.
Die drei Wachen fielen auf die Knie. Waffen fielen zu Boden. Gliedmaßen zitterten. Münder öffneten sich, als sie versuchten zu schreien, oder zu atmen, oder überhaupt irgendetwas zu tun.
Aber ihre Präsenz ließ es nicht zu.
Dreißig Meter. Das war die Reichweite. Alles Lebendige, das sich darin befand, war gebunden.
Die Korridorsensoren glitchten, die Lichter oben flackerten, dann brachen sie in Flammen aus, die Notstromaggregate sprangen an, aber das Flackern der Energie half nur, den schimmernden Puls zu enthüllen, der von ihrem Körper ausstrahlte.
Es war nicht direkt sichtbar, aber es fühlte sich an, als würde etwas Dickes und Geschmolzenes in die Luft fließen, das Gedanken, Sprache und Widerstand erstickte.
Sie verlangsamte nicht.
Sie stieg über den ersten Wächter, ihr Mantel streifte die Seite seines Helms, als er am Boden zuckte, die Augen weit aufgerissen vor Entsetzen.
Im Inneren der zentralen Einrichtung war der Kult mitten in den Vorbereitungen.
Gesänge.
Siegel-Aktivierung.
Rituelle Reinigung.
Sie bauten auf einen Konvergenzpunkt hin—ein Beschwörungsfeld mittlerer Stufe, das sich auf Bestien tiefen Ursprungs konzentrierte. Schlampig. Roh. Aber effektiv in den richtigen Händen.
Dies waren nicht die richtigen Hände.
Sie betrat den Raum ohne anzuklopfen.
Zwei Dutzend Kultisten drehten sich um.
Keiner sprach.
Einige griffen nach Waffen.
Liliana hob leicht den Kopf. Gerade genug, damit sie ihre Augen sehen konnten.
Karmesinrot.
Von innen erleuchtet.
In dem Moment, als sich ihre Blicke trafen, versagten alle Waffen.
Die Auslösemechanismen versagten, Patronen wurden ausgeworfen, Klingen zerbrachen, das Feld auf dem Boden glitchte, Linien verschmierten, als sich das Energiegeflecht aus dem Takt drehte.
Keine Sabotage, es war einfach ihre Präsenz.
Und ihre Aura hatte sich angepasst.
Jeder einzelne Angriffsgedanke in ihrem Feld wurde die Existenzberechtigung verweigert.
Sie ging vorwärts.
Keine Worte.
Ein Kultist versuchte zu fliehen.
Er kam nicht über die erste Reihe Tische hinaus. Sein Körper fiel wie eine Marionette, deren Fäden durchgeschnitten wurden.
Ein anderer schrie.
Der Schrei hielt nicht lange an.
Einer nach dem anderen fielen sie.
Nicht alle starben sofort.
Einige taumelten. Einige zuckten.
Aber keiner von ihnen konnte kämpfen.
Als sie die Mitte des Ritualbodens erreichte, hatte sich der Raum bereits verdunkelt. Die äußere Luftschleuse hatte sich selbst versiegelt, mehr aus Protokoll als aus irgendeinem anderen Grund.
Rote Warnlichter flackerten über ihr, aber kein Alarm ertönte.
Liliana stand in der Mitte des Raumes, ihre Stiefel klickten noch einmal, als sie zum Stehen kam.
Sie sah sich um.
Überprüfte jedes Gesicht.
Dann tippte sie einmal auf ihr Ohrstück.
Wieder keine Worte, nur eine Ortsbestätigung, die an das Hauptsystem gesendet wurde.
Sie drehte sich um und ging zur Kontrollstation an der Seite der Kammer. Ihre Hände bewegten sich über das Bedienfeld und leiteten die Energie des Bunkers zum geothermischen Kern um. Sie zögerte nicht.
Bei 92% Ladung trat sie zurück.
Und wartete.
Der Druck im Raum hatte nicht nachgelassen.
Die Kultisten wanden sich noch immer.
Aber sie hatte den letzten Schritt bereits markiert.
Eine Hand griff nach oben und zog ein dünnes Gerät vom Kragen ihres Mantels. Sie schnippte einmal damit. Der Kern unter der Kammer stöhnte.
Und dann kam die Hitze.
Nicht von Feuer oder irgendwelchen Strahlen.
Nur reine, erstickende, realitätsspaltende Hitze von unten.
Das Gebäude stürzte nicht ein.
Es schmolz.
Die äußere Hülle hielt, für einen Moment.
Gerade lange genug, damit Liliana durch den Tunnel und die Eingangsrampe zurückgehen konnte.
Die Gestalten am Tor waren noch immer bewusstlos.
Sie sah sie nicht an.
Der unterirdische Bunker hinter ihr verwandelte sich in flüssiges Glas.
Und alles, was blieb, war Stille.
Sie erreichte den Rand des Berges.
Der Transportrahmen kehrte zurück, sein schwarzes hexagonales Muster bildete sich in der Luft neu.
Sie trat hinein.
Ein letzter Scan bestätigte, dass keine Überlebenspulse vorhanden waren.
Die Mission war mit einer unbehaglichen Leichtigkeit abgeschlossen, die jeden anderen, der dies sah, denken lassen könnte, es sei ein Traum.
Zurück im Hauptherrenhaus kehrte ihr Signal grün zurück.
Lilith, die dies sah, lächelte nicht, aber sie nickte.
Ein Ziel erledigt.
Zwei weitere Schwestern waren noch in Bewegung.
Und der Kult hatte gerade gelernt—
die Familie Nocturne vergab nicht.
Sie löschte aus.