Incubus Leben in einer Welt von Superkraft-Nutzern
Chapter 239: Denkst Du, Dass Eine Königin Das Recht Hat, Den Gott, Dem Wir Dienen, Zu Richten?
In dem Moment, als die Kugel pulsierte, veränderte sich etwas im gesamten Lager. Kein lauter Ton. Keine sichtbare Kraft. Nur eine Veränderung—leise und sanft—als ob ein Faden gezogen worden wäre.
Das Barrierenfeld brach, nicht durch Einschlag, sondern weil es aufgab. Als wüsste es, dass Widerstand zwecklos wäre.
Kristalle, die den Umkreis säumten, spalteten sich mit kleinen, lautlosen Rissen. Die Energieschilde flackerten und erloschen. Jeder Kommunikationszauber wurde im selben Moment unterbrochen, als hätte jemand die Welt vom Strom getrennt.
Runen verdunkelten sich und erstarben, wo sie standen, und keine versuchte, sich neu zu starten.
Im Inneren des Lagers sagte zunächst niemand etwas. Niemand rief. Es war bereits zu spät.
Der Kult war abgeriegelt.
Es gab keinen Kontakt, keine Fluchtmöglichkeit und keine Augen von außen.
Menschen begannen sich zu bewegen—zunächst kleine Bewegungen. Schultern drehten sich. Augen suchten den Horizont ab. Einige gingen in die Hocke, ohne zu wissen warum.
Waffen wurden halb gezogen. Manche blickten zum Himmel, andere auf den Boden, aber die meisten wussten nicht einmal, worauf sie reagierten.
Sie gerieten nicht wirklich in Panik, zumindest noch nicht.
Dann begannen die Schatten sich zu bewegen.
Nicht nur zu dehnen—sondern zu verschieben, sich langsam in die falsche Richtung kräuselnd.
Und genau da trat Isabella durch sie hindurch.
Sie kam nicht aus der Dunkelheit heraus.
Sie brachte sie mit sich.
Die Wachen am hinteren Ende schlugen keinen Alarm, sie schrien nicht, stattdessen begannen sie leicht zu schwanken, als wäre ihr Gleichgewicht gestört.
Dann drehten sie sich—einer nach dem anderen—nach innen zum Lager statt nach außen.
Ihre Hände umklammerten ihre Waffen fester, dann ohne zu zögern und ohne Zweifel, denn sie bewachten nichts mehr.
Sie gehörten jetzt ihr, zu befehligen und zu nutzen.
In weniger als drei Sekunden brachen fünf der hinteren Hauptleute zusammen, es gab keinen Kampf, keine Schreie.
Nur das scharfe Geräusch von Stahl, der durch Rüstung schnitt, und das dumpfe Geräusch von Körpern, die in den Schnee fielen.
Die Männer, die es taten—ihre Schatten—standen völlig still. Ruhige Augen. Gleichmäßige Atmung.
Und hinter ihnen trat Isabella ins Blickfeld.
Sie sprach nicht, sie hielt nicht inne, um auf die Toten zu schauen, sie ging einfach an ihnen vorbei, als wären sie nichts als leere Figuren auf einem Brett, das bereits verloren hatte.
Keine Lichter flackerten auf, keine Magie schimmerte, aber dennoch veränderte sich etwas.
Die Atmosphäre verschob sich—nicht mit Angst, sondern mit Verwirrung. Ein Riss breitete sich über eine Wand aus, die bis jetzt niemand bemerkt hatte.
Sie waren nicht für diese Art von Druck ausgebildet. Sie wussten nicht, wie sie es benennen sollten.
Und dann teilte sich der Nebel am fernen Rand.
Lilith trat hindurch.
Kein Trompetenstoß. Kein Geräusch. Nur ein Fuß vor den anderen.
Sie flog nicht herein. Sie stürmte nicht mit Macht vorwärts. Sie ging, als hätte sie jedes Recht, hier zu sein, als gehöre dieser Boden bereits ihr.
Der Nebel wich von selbst von ihrem Körper. Der Schnee unter ihren Füßen knirschte nicht und verteilte sich nicht.
Er glättete sich unter ihren Stiefeln, als hätte er auf ihre Ankunft gewartet.
Ihr Mantel folgte ihr, streifte den Boden, ohne zu schleifen. Ihr silberweißes Haar schwebte wie in Zeitlupe, unberührt von der Kälte.
Sie leuchtete nicht, noch war sie in Licht gehüllt wie eine Göttin.
Aber stattdessen korrumpierte jede ihrer Bewegungen den Boden um sie herum, der bei jedem ihrer Schritte riss.
Nicht weil sie es erzwang.
Sondern weil das Land ihre Macht und den grenzenlosen Zorn, den sie in sich trägt, nicht ertragen kann.
Im Zentrum des Lagers trat der Kultführer vor.
Was von ihm übrig war, sah nicht mehr vollständig menschlich aus. Seine Gliedmaßen waren ungleichmäßig. Seine Wirbelsäule verdreht, als hätte jemand sie zu oft verbogen, ohne sie heilen zu lassen.
Einer seiner Arme streckte sich zu weit, und seine Haut war mit göttlichen Mustern gezeichnet, die unvollständig wirkten, als hätte jemand versucht, ihn zu segnen, aber auf halbem Weg seine Meinung geändert.
Er leckte Energie.
Keine Macht.
Korruption.
Und es klang wie mahlende Knochen in einem geschlossenen Raum—langsam, falsch, konstant.
Aber er konnte noch sprechen.
Seine Stimme raspelte mit etwas Scharfem und Bitterem. Der Klang war nicht laut, aber er schnitt trotzdem durch die Luft.
"Glaubst du, eine Königin hat das Recht, über den Gott zu urteilen, dem wir dienen?"
Lilith hörte nicht auf zu gehen.
Sie sagte nichts.
Aber der Tempel hinter ihm verdunkelte sich. Die Wände wurden dunkler. Nicht zerstört—nur verdunkelt. Als hätte das Gebäude ihr Kommen gespürt und wollte nicht mehr gesehen werden.
Der Kultführer hob beide Arme. Licht brach aus seinen Händen hervor—nicht warm, nicht rein. Es flackerte wie ein Ölfeuer, gefüllt mit Dingen, die nicht leuchten sollten.
Er schrie etwas in einer längst verlorenen Sprache. Seine Stimme hallte durch das Lager, und Dutzende von Kultisten schrien zurück.
Lilith zuckte nicht einmal zusammen.
Sie drehte leicht den Kopf.
"Liliana."
Liliana trat ohne Zögern vor. Ihre Lanze begann zu summen—nicht laut, aber stetig. Waffen nahe der Frontlinien begannen in ihren Halterungen zu zittern. Einige zerbrachen sofort.
Dann sprach Lilith wieder.
"Seraphina."
Seraphina hob ihre Hand und tippte noch einmal auf die Kugel.
Diesmal teilte sich der Nebel nicht—er verschwand vollständig.
Verschwunden in einer Sekunde, als hätte jemand einen Schalter umgelegt und die Luft endgültig geklärt.
Jetzt konnte das gesamte Lager sehen.
Die Formationsanordnung. Die Runen. Die Ränge. Jede Falle, jede Verteidigung—entblößt.
In diesem offenen Moment lächelte Isabella.
Nur ein kleines Lächeln. Kalt. Ein selbstsicheres Lächeln, das sie wie eine Kriegsgöttin aussehen ließ, die das Ende dieser Farce bereits gesehen hat.
Von der rechten Seite drehten sich mehrere Wachen um. Ihre Klingen waren bereits gezogen.
Aber sie zielten nicht auf die Angreifer.
Sie wandten sich zur Mitte des Lagers—zum Kultführer.
Auch sie gehörten jetzt ihr. 𝒇𝒓𝙚𝒆𝔀𝓮𝓫𝒏𝓸𝙫𝓮𝓵.𝓬𝙤𝙢
Und dann—
Lilith hielt an.
Sie hatte den Anführer noch nicht erreicht.
Sie hatte keine Hand erhoben.
Aber überall im Lager begannen alle Fackeln zu dimmen.
Dann flackerten sie eine nach der anderen.
Dann erloschen sie.
Nicht durch Wind.
Nicht durch irgendeinen Zauber.
Weil das Feuer selbst aufhörte zu funktionieren. Als wollte es nicht mehr Teil dieses Ortes sein.
Der Kultführer trat einen Schritt zurück.
Er öffnete den Mund, um wieder zu sprechen.
Und da endete es.
Kein Knall. Kein großer letzter Befehl. Nur eine Stille, die wie ein Gewicht in die Mitte von allem fiel.
Sie wuchs nicht.
Sie verging nicht.
Sie setzte sich fest.
Eine Stille so vollständig, dass sie den Raum, den sie berührte, auslöschte.
Nichts folgte darauf.
Weil nichts mehr übrig war, was folgen könnte.